Raffinierter Trick von Opa Boese

Herbst 2006. Die Luft ist kalt und feucht, das Laub unter den Schuhen schwer. Nebel zwischen den Bäumen, der vertraute Geruch von Regen und Tanne. Da stehe ich nun mit Rückenschmerzen  im Feld 19. Vor mir eine Kiste voll geschnittener Nordmanntanne. Sie sieht gut aus. Teddytanne sagen meine Angestellten. Über meiner Schulter hängt ein rosa Hula-Hoop-Reifen.

Ich bin 64. Gärtnermeister. Könnte längst aufhören – aber was dann? Ich liebe es auf dem Friedhof zu sein. Ich arbeitegerne und gebe mein Wissen weiter. Nicht weil ich muss – weil ich’s will.

„Wo ist Enrico?“, frage ich mich. Laub raschelt zwischen den Eiben.  – da kommt er ja endlich. Enrico ist 19, neu im Team. Tanne legen kann er. Aber heute lernt er noch was: zügig arbeiten. „Komm Enrico, du bist noch jung. Nimm die Kiste, das nächste Grab ist da.“

„Jawohl, Herr Boese!“

Ich vergesse fast, dass ich mir letztes Jahr die Wirbelsäule gebrochen habe. Ein CC-Container voller Violen ist von der Laderampe gefallen. Und ich drunter. Merkt euch: CC´s immer richtigrum aufladen. Drei Monate Stahlkorsett von der Schulter bis zum Gürtel. Doch mein Arzt sagt: Bewegung ist gut – also bewege ich mich. Ungeduldig bin ich schon immer und langsam genervt diese Geschichte immer wieder zu erzählen. 

Plötzlich steht M. vor uns. Ein Gärtner Kollege. „Herr Boese! Sie dürfen gar nicht arbeiten. Und … wofür ist der Reifen?“ „Man sagt erst mal guten Tag, junger Mann“, sag ich ihm streng.  Aber ich bleibe ruhig. Schon wieder so Frech der Junge, denke ich mir. Aber heute lege ich ihn rein.

„Guck mal M. Das ist Enrico – der trägt mir die Tanne, weil ich nicht schwer heben darf. Und weißt du, was er noch kann? Lieder pfeifen. Stimmt’s, Enrico?“ Enrico nickt. „Also bevor ich mich hinknie und die Tannenspitzen schön rund ums Beet lege, spielt Enrico ein Lied.“ Ich schau Enrico an. „Mmh … Vogelhochzeit“, sagt er schnell.

So geht das: Ich nehm den Reifen, stell und beginne ihn im Takt um meine Hüfte zu kreisen. So etwa. 💫 „Hat mir der Arzt empfohlen – Rücken, Bewegung, Erwärmung.“

M. starrt. Enrico kämpft mit den Tränen. Lacht aber nicht. „Willst du auch mal, M?“ Er geht wortlos. Vermutlich überfordert.

Ich leg den Reifen über das Blumenbeet. „Und jetzt“, sag ich zu Enrico, „zeig ich dir, wie man einen exakten Kreis mit Tanne legt. Richtig. Schön. Und sauber.“

Verbotener Ort, erlaubtes Glück

Corona, April 2022. Homeschooling. Eine Mischung aus Ungewissheit, Angst um die Zukunft und mehr Zeit für Familie. Weniger Termine, weniger Möglichkeiten, Dinge zu machen, und das Beste, keine, die man verpassen kann. 

Meine Tochter ist 11. alt genug, um alleine zu lernen. Aber kind genug, um dafür keine Lust zu haben. Also zieht es sie raus. Raus in die Natur. Ins ehemalige „Russengebiet“, vor dem Verlassen verboten steht. Ein Lostplace mit alten Panzer-Hallen, mit Asbest bedeckten Werkstätten und einem Pförtnerhäuschen mit einem Schild „Betreten Verboten“ – man geht an ihm vorbei, betritt eine vergessene Welt, in der sich die Natur zurückgeholt hat, was ihr gehört. 

Auf Betonwegen, über die früher maschiert wurde und Tonnen schwere LKW gefahren sind, haben wir letztes Wochenende erst Sedum aus den Ritzen gekratzt. Für Papas Dachbegrünung. Irgendwas findet er immer. Der hat übrigens heute Geburtstag. Ist aber wie immer auf dem Friedhof. „Frühjahrsbepflanzung dekorieren oder so“. Naja, nachher sehen wir uns zum Kaffee.

Jetzt bin ich mit meiner besten Freundin unterwegs. Ja, ich darf in kein Gebäude und in keinem Keller rein krabbeln. Aber es ist so spannend. Warum sind wir hier? Hinter der fast heilen Halle stehen eine Gruppe Kühe. Warum die da sind, weiß Papa auch nicht. Vielleicht illegal. Vielleicht dürfen sie. Vielleicht nur als Zwischenstopp. Ich füttere sie mit frischem, abgerissenem Gras. Gierig schmatzend drücken sie ihre Mäuler gegen den Bauzaun, greifen mit ihrer schlangenartigen Zunge durch den Draht. Ich hole frisches, stolpere dabei über etwas Hartes, das mit Moos bedeckt ist. Was ist das? Ein Stück Holz, faserig mit Flechten, braun, cool eine Wurzel. Wenn Papa hier wäre, würde er die mitnehmen. Ich nehme sie mit und schenke sie ihm zum Geburtstag. 

Worte sagen mehr als Bilder

Wir sitzen zu dritt an einem Tisch. Meine Frau, meine Schwiegeroma – und ich. Es riecht nach Kaffee, Kuchen und alten Möbeln. Die Tassen haben Goldrand, die Löffel glänzen – ich glaube, es ist das „gute“ Geschirr. Genau kann ich es nicht sagen, ich bin nicht oft hier.

Die Schwiegeroma, sonst immer so fürsorglich, die nach Hausschuhen fragt, Wasser anbietet und nie stillsitzen kann – heute braucht sie selbst Hilfe. Weil sie jetzt allein ist. Und das für immer.

73 Jahre mit einem Menschen zusammenleben – wie soll man da nicht das Gefühl haben, dass plötzlich ein Stück von einem selbst fehlt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Wie man die Wohnung aufschließt und ruft: „Hallo Fritz, ich bin wieder da“ – und doch allein ist. In den leeren Sessel schaut, das Essen nur noch für eine Person kocht. Den Deckel der Wasserflasche nicht aufbekommt. Auf ein Foto blickt – und dann allein ins Bett geht. Das Licht ausschaltet und leise sagt: Du fehlst mir.

Ich glaube, der einzige Trost ist: dass man sich eines Tages wiederfindet. Irgendwo.

Meine Schwiegeroma lässt sich nichts anmerken. Sie wirkt stark – denke ich. Meine Frau sieht mehr als ich. Sie sieht die Unsicherheit. Die Traurigkeit. Die Hilflosigkeit.Ich merke es zu spät. Ich öffne mein iPad, zeige ihr verschiedene Gestecke – zusammengestellt über unsere Seite www.Friedhof1.de. Farben, Formen, Varianten – alles, was man heute so hat. Aber sie schaut nicht mal hin.

Es ist ihr egal. Sie sagt nur: „Mach einfach was Schönes, Martin.“

Was zählte, war nicht das, was man sehen konnte – sondern das Zuhören. Die Nähe. Manche Aufträge entstehen nicht durch große Auswahl, sondern durch Verbindung. Nicht durch Technik – sondern durch echtes Dasein. Ein bisschen ärgere ich mich über mich selbst.

Da sitzen wir nun vor dem Kuchen, den wir nur aus Anstand essen. Appetit hat keiner. Es wird zaghaft geredet, dann mehr. Ich bin still – und merke: Meine Schwiegeroma möchte reden. Tränen fließen bei den beiden Frauen. Und ich sehe: So unterschiedlich sie auch sind – in diesem Moment sind sich meine Frau und ihre Oma so ähnlich wie nie zuvor. Erinnerungen werden geteilt. Und dann wird gelacht. Aus vollem Herzen.

Am Ende waren wir uns einig: Es muss etwas Besonderes sein. Für den alten Malermeister. Es muss bunt werden – so lebendig wie sein Leben. Ich sage es, während ich still zum Teller greife und doch noch ein Stück Kuchen esse. Vom „guten“ Geschirr.

Mit Goldrand – so wie die Urne und die Schrift auf der Schleife am Gesteck.

Mit Schwung in den Feierabend

Man muss wissen das wir Freitags auf dem Ostfriedhof in Magdeburg arbeiten. Das hat den Vorteil einen kurzen Weg in die Firma zu haben. Ohne lästige Stau, Umleitung oder Fußballspiele.

Nur nicht heute. Heute ist René der Meinung wir müssen länger machen. Es ist ein sehr heißer Tag an dem wir unsere Gräber gießen. 1 Team gießt die kleinen Gräber mit der Hand. Nun ja mit Gießkanne natürlich. René hingegen gießt mit unserem Leiber. Mit diesem Leiber ist es durch seine 1000 Liter auf der Ladefläche sehr effektiv, große Gräber zu gießen ohne sich dabei anzustrengen. Wir Gärtner treffen uns zum Feierabend an den Parkstellen um abzusprechen ob alles gegossen wurde. Nur René fehlt noch. Da ist er! Er zieht ordnungsgemäß den Zündschlüssel ab. Kommt gut gelaunt mit einem „es ist Feierabend Blick“ auf uns zu. Wir fragen ihn: und René wo hast du angefangen zu gießen? Er hebt seinen rechten Arm… „Hier in der Ecke hinter dem Busch“ bei dem letzten Wort öffnet sich die Hand und der Schlüssel fliegt und fliegt in den dicht bewachsenen Spirea Strauch🤦🏻‍♂️ für die 5 Beteiligten spielte sich diese Szene in Zeitlupe ab.

Gefunden haben wir den schwarzen kleinen Leiber Schlüssel bis heute nicht. Aber Feierabend gab es trotzdem.

Gold für den Gärtner, Bier für den Läufer

Wie ich diesen Tag in Hamburg bewältige und in Magdeburg meine Bestzeit auf 10 km laufe.

2013 findet die Internationale Gartenschau statt. Ich bin 29, Außenseiter und habe mit meinem Team eine Goldmedaille und einen Ehrenpreis für eine besondere Gestaltung gewonnen. Also fahre ich stolz zur Preisverleihung nach Hamburg. Statt grüner Latzhose trage ich heute Anzug und – wie meine Tochter sagt – Zaubererschuhe. Haare chic, Creme ins Gesicht. Schlüssel, Handy und ab ins Auto nach Hamburg. Die Zeit ist knapp. Also Vollgas mit meinem Golf. Das Navi sagt, es wird eng bis zur Verleihung in Hamburg. Ich habe etwas Zeit gutgemacht und ein gutes Gefühl – bis mir auf Höhe Hannover etwas auffällt.

Mein Portemonnaie liegt zu Hause. Zum Umdrehen ist es zu spät. In meinem Kopf spielt sich Folgendes ab: Wenn ich weiterfahre, bin ich pünktlich. Ich habe zwar kein Ticket, aber irgendjemand wird mich schon kennen. Zur Preisverleihung bekomme ich Essen und Trinken umsonst. Ich nehme den Preis an, quatsche ein bisschen und fahre dann zurück nach Magdeburg zum Nachtlauf, wo mir noch 10 km bevorstehen. Angemeldet bin ich, bezahlt habe ich auch schon. Also dürfte alles ohne Portemonnaie gehen, denke ich zuversichtlich.

Was ich nicht weiß: Es wird einer der stressigsten Tage meines Lebens.

Ich fahre weiter auf der A6. Baustelle – na toll. Die Uhr tickt weiter. Nur noch 30 Minuten bis zur Veranstaltung. Noch 15 Minuten für 2 km Innenstadt. Ah nein, ich bin nicht links abgebogen!  Also wenden. Kein Gegenverkehr – das könnte ich schaffen. So, nun etwas mit dem rechten Reifen über den Bordstein, dann bin ich auf Kurs.

Peng! Das ist jetzt nicht wahr. Ein Platten! Ich fahre rechts ran. Der Reifen sieht übel aus. Die Lösung nennt sich Pannenspray und liegt im Kofferraum. Die Bedienungsanleitung ist fragwürdig – genau wie das Ergebnis. Ich stecke also den Pippel auf das Ventil und drücke ab. Wie soll das dicht werden, wenn die ganze Sahne hier überall rausspritzt? Der ADAC? Nur meine Frau ist Mitglied, erfahre ich am Telefon. Also iPhone 4 gezückt. Maps geöffnet. Eine Werkstatt in der Nähe – nur 500 m entfernt, immerhin. Ich fahre also im Schritttempo und hoffe, dass die Alufelgen das aushalten. Geschafft!

„Hallo“, sage ich zum Mechaniker, während auf der IGA bereits die Veranstaltung beginnt. „Ich habe da ein kleines Problem.“ Ich erkläre ihm meinen Schaden und meine Zeitnot. „Junger Mann“, höre ich im gebrochenen Deutsch, „das bekommen wir hin. Geben Sie mir den Schlüssel, und in 10 Minuten sitzen Sie wieder im Auto.“ Ich bin erleichtert und glücklich.

„Junger Mann, wie wollen Sie bezahlen?“ Ups.  Apple Pay gab es noch nicht. Gab es schon PayPal? Keine Ahnung. EC-Karte, Kreditkarte und Bargeld? Alles in Magdeburg. Ich schildere ihm mein zweites Problem.  „Nutzen Sie Lastschrift?“ – „Ja“, sagt der Mann, während er mit seinen Werkstatthänden auf der Tastatur tippt. „Dafür müssten Sie aber Ihre Kontonummer im Kopf haben“, sagt er leicht genervt und in einem Ton, der mich wie einen Vollidioten dastehen lässt.

„Klar“, sage ich verschmitzt und schreibe ihm IBAN und BIC aus dem Kopf auf den Auftrag. Kein weiteres Wort. Nur der Schlüssel kommt zurück. Ich bedanke mich für die schnelle Hilfe.

Nur 30 Minuten zu spät – trotz dieses Dilemmas. Ich stoße mit Orangensaft an (bin ja Sportler), lasse mich mit Preis, Medaille und Urkunde feiern, esse einen Happen und düse in die Heimat. Noch 3 Stunden bis zum Start. Das wird knapp. Angekommen, ziehe ich mich im Auto um. Laufe 10 km in 42 Minuten (mein persönlicher Rekord) und trinke im Ziel das leckerste Erdinger Alkoholfrei meines Lebens.

Ihre Meinung ist gefragt! „Blumenladen mit Café“

Es ist immer ein schwerer Weg zum Friedhof. Freunde sagen, es dauert ein halbes Jahr. Ich kann nicht sagen, ob es irgendwann besser wird. Mal fühle ich mich leer, mal rede ich mit ihm, als säße er in seinem Sessel. Mal bin ich sauer, dass er mich alleine gelassen hat. Oft denke ich: Warum ausgerechnet ich?

Ich ziehe mich an und gehe. Ohne darüber nachzudenken, warum. Es tut meiner Seele gut. Angekommen, nehme ich zwei Blätter vom Grab. Ich spreche mit ihm über die Kinder. Über einen Gedanken, der mir kam, als es auf dem Weg nach Kaffee geduftet hat. Weißt du noch damals im Urlaub an der Ostsee, als wir jeden Tag den ersten Kaffee an der Promenade getrunken haben? Egal wie das Wetter war, wir haben’s geliebt.

Jetzt sitze ich alleine auf einer Bank viele 100 Meter entfernt von unserem Lieblingsort. Statt Meeresrauschen höre ich Vogelgezwitscher. Ach, wärst du nur hier. Du fehlst mir, Dieter.

Ich glaube, heute ist der Tag. Heute fühle ich mich stärker als sonst. Es liegt auf dem Weg. Es sind nur zwei Stufen. Das Personal grüßt immer freundlich. Ich werde einfach reingehen und mich ans Fenster setzen. Hoffentlich sind keine Leute da, die mich ansehen. Hoffentlich spricht mich keiner an. Ich möchte mit niemandem reden.

Sind es zu viele Menschen, kaufe ich nur einen Strauß für dich und gehe dann raus.

Eine Stufe, die zweite Stufe. Ich gehe an einer schön dekorierten Blumenschale vorbei. Daneben ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Sie sehen hart, aber praktisch aus. Auf dem Tisch steht ein Blumenstrauß mit Preisschild. Schön, denke ich. Hoffentlich wird es nicht windig. Noch zwei Schritte und ich bin drin. Ein Gong erschreckt mich. Eine freundliche junge Frau mit einem Ohrring in der Nase grüßt mich, während sie mit einer Gießkanne das Wasser in den Blumenvasen füllt. Ich bin froh, dass sie mich nicht gleich fragt, was ich möchte.

Da stehe ich nun. Es war nicht schwer. Jetzt nur noch die Frage: Strauß oder Kaffee? Ach, Dieter. Zusammen hätten wir den Kaffee genommen und wären zum Meer gegangen.

„Ich bin gleich bei Ihnen. Ich muss nur noch die Kekse aus dem Ofen nehmen“, ruft die freundliche Stimme und reißt mich aus meinen Gedanken.

Es duftet wie damals beim Plätzchen backen mit den Kindern.

„So, da bin ich“, schnauft sie und legt die Handschuhe zur Seite.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Also, ich hätte gerne…“ Ich gucke an der jungen Frau vorbei und sehe eine Handvoll Blumensträuße.

Jetzt redet die junge Frau wie ein Wasserfall: „Haben Sie schon einen Kaffee getrunken? Ich kann Ihnen dazu die Kekse empfehlen… die sind noch warm! Und wenn Sie alleine sitzen wollen, dort hinten am Fenster ist ein kleiner Tisch mit schönem Blick.“

„Zwei Kaffee bitte. Hm… ich meine einen 😔 und einen Keks.“

„Ich bringe Ihnen alles zum Tisch.“ Ich sehe mich um und sehe keinen Menschen. Alleine sitze ich doch überall, oder?

„Ja, Sie sind noch sehr früh. Die meisten kommen erst später mit dem 9:00-Uhr-Ticket der Straßenbahn. Vielleicht kommen heute auch nicht so viele, weil das Wetter so schön ist.“

„Wissen Sie, der Blumenladen hat erst seit ein paar Wochen geöffnet. Wir müssen vieles noch ausprobieren und wissen nicht, wie die Jahreszeiten verlaufen, wann Blumen gekauft werden, wann Blumenschalen, wann Kaffee und Kuchen gewünscht sind. Das ist alles gar nicht so leicht. Kuchen gibt’s übrigens erst heute Nachmittag.“

„Das glaube ich. Das ist mutig, so etwas zu machen, ohne dass es etwas Vergleichbares gibt.“

„Ich wünsche Ihnen, dass alles gut geht und sich das Geschäft lohnt. Ich finde es hier sehr ansprechend.“

„Danke und ich finde, Sie sollten hier nicht alleine sitzen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in ein paar Wochen mit einer Freundin hier sitzen, die etwas Ähnliches erlebt hat. Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie mir Bescheid. Ich stelle noch ein paar Pflanzen raus. Ach und das mit dem Mutigsein… da haben Sie recht. Ich glaube aber, dass es klappt. Wir sind ein tolles Team💪🏻“, sagt sie.

Ich sitze alleine am Fenster. Sie hat recht, ein schöner Blick in die Natur. Aber auf dem Friedhof. So ist wohl der Lauf der Zeit. Wenn ich so darüber nachdenke, hätte ich gerne die Trauerfeier hier in dem Café gemacht. Leider gab es das damals noch nicht.

Gong. „Hallo, was kann ich für Sie tun?“ – „Diesen Strauß bitte und eine Vase. Meine wird ständig geklaut.“

Gong. Zwei schick gekleidete Damen: „Wir würden uns gerne dort hinsetzen. Für zwei Personen.“ – „Ja, bitte Frau Meier. Ich komme gleich zu Ihnen. Ein Kaffee und einen Cappuccino wie gestern?“

Ich bin alleine hier, denke ich, während ich den ersten Schluck nehme. Dieser Ort ist mehr, als ich gedacht habe. Es ist ein Treffpunkt. Treffpunkt für all diejenigen, die zum Friedhof gehen. Und genau hierauf ist alles abgestimmt. Die kaum sichtbare Trennung zwischen Blumen und Café. Bequeme Sitzgelegenheiten, die Tapete könnte Bauhaus sein. Die beruhigenden Bilder, das Bücherregal, das mit Geschichten gefüllt ist, so individuell wie jeder, der den Laden betritt.

Gong. „Entschuldigen Sie, womit kann ich mein Grab am besten bepflanzen?“ – „Gucken Sie mal da draußen linker Hand, dort haben wir Stiefmütterchen – pflanzfertig, dazu die passende Erde, Dünger und schnick schnack.“

Gong. „Kann man auch draußen sitzen?“ – „Ja klar, die Sonne kommt gleich rum und dann ist es schön. Was kann ich Ihnen bringen?“ – „Bitte einen Kaffee und ein Stück Streuselkuchen, das wurde mir von einer Freundin empfohlen.“ – „Kuchen gibt’s erst ab 14:00 Uhr.“ – „Schade.“ – „Kekse haben wir.“

Gong. „Ich möchte gern einen Tisch reservieren für Freitag um 10:00 Uhr.“ – „Das tut mir leid, am Freitag und Samstag sind Beerdigungen. Hier haben wir meistens geschlossene Gesellschaften bis 13:00 Uhr. Um 15:00 Uhr können Sie gerne kommen.“

Ganz schön was los, denke ich mir. Aber die junge Frau hat recht: Was ist, wenn das Wetter nicht mitspielt? Was ist im Winter bei Schnee oder Regen? Was ist, wenn die Tage zu kurz sind und sich keiner um 16:00 Uhr auf den Friedhof traut?

Mhh. Der Kaffee schmeckt gut und der Keks ist lecker. Es ist schön hier. Ich werde wiederkommen. Den Strauß, der auf meinem Tisch steht, nehme ich mit für dein Grab, dann hast du auch was davon Dieter.

Hinweis & Bitte um Ihre Unterstützung

Diese Geschichte ist fiktiv, aber sie beschreibt eine Situation, die viele Menschen auf dem Westfriedhof Magdeburg erleben könnten. Unser Ziel ist es, mit einem Blumenladen und Café einen besonderen Ort zu schaffen – einen Ort des Innehaltens, Erinnerns und Begegnens.

Damit dieses Projekt die Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher des Westfriedhofs bestmöglich erfüllt, benötigen wir Ihre Meinung! Was halten Sie von dieser Idee? Würden Sie einen solchen Ort nutzen? Haben Sie Anregungen oder Wünsche?

Wir freuen uns über Ihr Feedback:

📩 Per E-Mail: info@fg-boese.de
💬 Direkt per WhatsApp: Klicken & schreiben

Eine Begegnung, die Slavas Leben verändert

Mit gesenktem Kopf verlässt Slava die Anmeldung des Sozialamts, den Blick nach unten gerichtet. Sie fühlt sich niedergeschlagen. Sie hatte gehofft, die Beamtin könnte ihr eine offene Stelle als Gärtnerin anbieten – am liebsten eine Ausbildung. Seit zwei Jahren ist sie hier und möchte endlich arbeiten. Doch immer werden ihr Steine in den Weg gelegt, oft ist es die Sprachbarriere. Bis zu diesem Tag. Im Wartezimmer wird sie von einer älteren Dame mit Hut angesprochen. Sie flüstert: „Können Sie kurz warten? Ich habe da vielleicht etwas für Sie.“ Die ältere Dame geht ins Büro zur Beamtin, sie hat wohl auch ein Anliegen. Slava wartet draußen, wo sie die frische Luft und die Natur genießen kann. Das trostlose Wartezimmer mit zehn abgenutzten Sitzplätzen, einer ungeliebten Zimmerpflanze und Broschüren, die selbst ohne Migrationshintergrund schwer zu lesen wären, lässt sie hinter sich.

Dann klingelt mein Handy. Ich stehe auf dem Friedhof und pflanze gerade Begonien. Schnell ziehe ich die Handschuhe aus und gehe ans Telefon. Oma ruft an. Hoffentlich nichts Schlimmes. „Martin? Ich sitze hier beim Sozialamt im Wartebereich, neben mir eine junge Frau, die Arbeit sucht.“ Ich überlege kurz. Wenn meine Oma mich deswegen anruft, wird es keine Schlaftablette sein wie all die anderen Bewerber. Sie wird pfiffig sein, einen schnellen Schritt haben, keine Hackenschuhe tragen, keine gegelten Fingernägel. Sie wird arbeiten wollen. Oma hat einen Blick für sowas. Mit ihren 84 Jahren hat sie selbst noch die Zeiten erlebt, in denen nichts geschenkt wurde. Sie hat den Beruf der Gärtnerin gelernt, war bei Wind und Wetter draußen. Eine Frau, die es nicht verstehen kann, dass einige Jugendliche nur auf ihre Handys starren, sich so schlecht benehmen, wie sie sich kleiden, und „keinen Bock“ haben. „Oma? Meinst du, sie ist Gärtnerin?“ „Nein, sie kommt aus der Ukraine, spricht Deutsch und möchte unbedingt arbeiten.“ „Das mit dem Arbeiten“, denke ich, „habe ich schon oft gehört.“ Aber wenn Oma das sagt… Ich schalte schnell und sage: „Klar, Freitag, 10 Uhr, bei uns im Büro. Wenn sie clever ist, findet sie die Adresse allein. Sie soll nach der Friedhofsgärtnerei Boese suchen.“

Freitag sitzen wir zusammen. Mir gegenüber sitzt eine 28-jährige Frau, die mit dem Fahrrad gekommen ist. Pünktlich, selbstbewusst, mit Akzent. Mein erster Gedanke: Sie hat Arme, die definitiv schon körperlich gearbeitet haben. Eins steht fest, diese Frau hat schon viel erlebt. Höhen und Tiefen. Das Schlimmste wohl der Krieg in der Ukraine, der ihre Familie und Heimat zerstört hat. „So kann man sich täuschen“, denke ich, als sie erzählt, dass sie in der Ukraine Kindergärtnerin war. Ich hatte sie eher in einem handwerklichen Beruf gesehen. Später war sie Bürokauffrau, dann etwas mit IT. Sie ist in einer Kleinstadt groß geworden, auf einem Grundstück mit Tieren und Pflanzen. Sie hasste es, im Büro zu sitzen – „Ich muss draußen arbeiten, in Natur!“, sagt sie entschlossen. Dann geht alles schnell: Probearbeit, Praktikum, dann Festanstellung. Zwei Monate später stellt sie die Frage: „Darf ich hier eine Ausbildung machen?“ Insgeheim hatte ich es gehofft, dass es so kommen würde. Tatsächlich suchten wir einen Lehrling – etwas älter als gedacht, aber mit viel Lebenserfahrung und guten Fähigkeiten. So wird Slava jetzt Friedhofsgärtnerin – und ist eine von nur zwei Auszubildenden in ganz Sachsen-Anhalt, die diesen tollen Beruf lernen.

Ein Link zu einen Interview im MDR finden Sie hier: https://www.mdr.de/video/mdr-videos/c/video-879178.html

 

Frau Altenburg und der Liebe zur Perfektion

Werther Herr Cziborra, so begannen oft Briefe von einer Kundin. Am Ende stand stets „hochachtungsvoll, Ihre Frau Altenburg.“ Ich habe mich oft mit ihr getroffen, solange sie noch lebte. Auf dem Friedhof, Feld 6, ging ich auf sie zu. Sobald sie mich sah, griff sie in ihre Haare und überprüfte, ob alles perfekt saß. Auch ihren Blazer oder Gehrock – alles wurde sorgfältig zurechtgezupft. Ich muss sagen, sie war eine sehr schicke ältere Dame. „Guten Morgen, Frau Altenburg.“ „Guten Morgen, Herr Cziborra“, sagte sie in einer vornehmen Art, wie nur sie es konnte. „Es ist schön, dass Sie sich Zeit nehmen.“ Ich nickte und dachte: Ja, sehr viel Zeit. 20 Minuten Vorgespräch am Telefon und 15 Minuten Terminfindung, inklusive der Wiederholung derselben Punkte. Da standen wir und sprachen alles durch. „Ja, Frau Altenburg, so machen wir das. Aber natürlich, Frau Altenburg.“ Mittlerweile wusste ich genau, wie das 30-minütige Gespräch endete. Ich würde die wichtigsten Punkte wiederholen und am Schluss noch ein „Bonbon“ servieren. Es war wichtig, dass das Grab ihres Mannes immer perfekt aussieht, da auch alle Friedhofsbesucher es bewundern würden. „Es soll das schönste Grab auf dem Friedhof sein.“ Sie bat zwar um gärtnerische Beratung, doch eigentlich musste alles exakt nach ihren Vorstellungen sein. Eine Sache hatte sie jedoch über mich gelernt: dass ich immer eine Idee hatte, wie man sich von den anderen abheben konnte – sei es ein besonderes Dekoelement, eine exklusive Pflanze oder eine besondere Verarbeitung von Tannenzweigen am Totensonntag. Eben das „Bonbon.“ Verabschiedet hat sie mich stets mit einem skeptischen Blick, der in mir das Gefühl weckte: Das darf ich nicht vermasseln. Ein paar Tage später kam der Anruf im Büro: förmlich, streng, die Tränen unterdrückend, mit der dringenden Bitte, sich umgehend mit Herrn Cziborra treffen zu müssen. Jessi aus dem Büro fragte am Telefon: „Aber, Frau Altenburg, hat es Ihnen denn gefallen?“ „Ja, es ist wunderschön. Herr Cziborra hat sich wieder selbst…“ – dann ein Schluchzen, und sie legte auf. Es gab immer ein Präsent für die Mitarbeiter, meine Familie und für mich. Und ein 20 minütiges Gespräch am Grab. Ich dachte mir immer: Ach, wenn es sie glücklich macht. Neun Jahre lang ging das so. Im letzten Jahr bekam Sie eine Diagnose vom Arzt, die sie veranlasste, einen Vorsorgevertrag mit uns zu planen. Bis ins kleinste Detail war alles für ihren Mann und nach ihrem Tod für die gemeinsame Grabstelle geregelt. Doch leider war die Krankheit schneller. Ein trauriger Anruf kam von ihrer Tochter. Jessi saß mir gegenüber und nahm den Anruf entgegen. Ich sah Tränen in ihren Augen, während sie „Altenburg“ auf einen Zettel schrieb und einen Stern daneben malte. „Wir brauchen nichts mehr an der Grabstelle machen“, war die Aussage. Traurig war, dass Frau Altenburg genaue Vorstellungen hatte, die nun nicht mehr umgesetzt werden würden. Sie war zwar eine anstrengende, aber dennoch liebevolle Frau. Oft gehe ich an ihrer Grabstelle vorbei und denke: Das hätte ihr nicht gefallen. Es steht mir nicht zu, über die Familie zu urteilen. Ich kenne nur meine Seite der Geschichte. Manchmal, wenn keiner hinschaut, puste ich das Laub von ihrer Grabstelle. Sie hat es gehasst, wenn Blätter darauf lagen. Was ich euch Lesern mitgeben möchte: Bringt eure Dinge zu Ende. Frau Altenburg hatte klare Vorstellungen, die sie nicht mehr umsetzen konnte. Lasst euch nicht von Unwichtigem ablenken, wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Erster Ausbildungstag

August 2000. Gestern hat mich meine Mutti nach Hannover gefahren und mit mir meine möblierte Wohnung eingeräumt. Ganze 18 Quadratmeter waren jetzt meine neue, fremde Welt. Da stehe ich nun in grüner Latzhose vor dem Spiegel und mache mich fertig. Zum Glück muss ich mich mit 16 Jahren noch nicht rasieren, denn sonst würde ich zu spät kommen, denke ich, während ich auf meine Uhr gucke. Schon 7:00 Uhr. Oh nein, ich muss los. Stulle, Wasser, Apfel in die Tasche und ab in den Keller. Was ich dort sehe, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Gestern war noch alles in Ordnung. Ausgerechnet am ersten Tag meiner Ausbildung werde ich zu spät kommen. Ein toller Start für den Jungen aus dem Osten. Nein, eine Lösung muss her. Mit einem Platten Reifen ist es unmöglich, in 20 Minuten 3 Kilometer zu fahren oder zu laufen. Die Luftpumpe vom Nachbarfahrrad kannste auch vergessen. Der Reifen macht keine Anstalten, irgendwie fest zu werden. Joggen? Nee, dann bin ich durchgeschwitzt. Während ich überlege, schaue ich auf das Damenfahrrad der alten Vermieterin. Ist das Diebstahl? Besonders nett wirkte die alte Frau nicht bei der Schlüsselübergabe. Egal, ich habe die Wahl: verärgerte alte Frau oder der Chef mit allen Mitarbeitern, die am ersten Tag alle mit dem Kopf schütteln, während ich durch die Tür komme. Tasche auf, Stift, Zettel auf den Ledersattel und schreibe: Liebe Frau Hansen, ich habe mir Ihr Fahrrad ausgeliehen. Es war ein Notfall. Ich wollte Sie nicht früh wecken. Entschuldigung, Martin (der neue Mieter).

Quitschend komme ich abgehetzt, aber pünktlich an. Alle Blicke richten sich auf mich. “Guten Morgen, ich bin der Lehrling.” Zum Feierabend kaufe ich noch für 5 Mark einen Strauß im Blumenladen. Ich klingle gegen 17 Uhr bei der alten Frau und entschuldige mich, dass ich ihr Fahrrad genommen habe. Sie guckt noch böser als gestern. Dann gebe ich ihr den Blumenstrauß. Sie lacht. Heute, 24 Jahre später, bilde ich mit meinem Team 2 Lehrlinge aus. Wer weiß, was in den Köpfen von Slava und Sophie gerade vorgeht. Ich kann euch nur sagen, es wird immer Probleme geben. Es wird unangenehm und schwierig, es wird kalt und heiß, es wird nervig und manchmal werdet ihr denken: Was mache ich hier überhaupt? Ihr lernt einen Beruf, der euch das ganze Leben prägt. Der euch Sicherheit gibt, der euch selbstbewusst macht, weil ihr die Profis mit dem grünen Daumen seid. Ihr werdet Menschen kennenlernen, die ihr hasst, die ihr liebt, und Menschen, die ihr als Vorbild nehmt. Ihr werdet Freundschaften finden, die vielleicht sogar ein Leben lang halten. Es liegen 3 Jahre vor euch, voller Herausforderungen, die ihr meistern werdet. Da bin ich mir sicher. Herzlich willkommen in unserem Team. Wir sind mit Sicherheit genauso aufgeregt wie ihr!

Der Alte Mann

Es ist ein angenehm warmer Frühlingsmorgen auf dem Biederitzer Friedhof. Ich bepflanze eine Grabstätte. Um mich herum höre ich Vogelgezwitscher und Bienengesumme. Zu dieser Jahreszeit sind auf diesem Friedhof die Erdbienen sehr aktiv. Ich bin nicht lange alleine. Ein alter, klappriger Mann geht mit seiner zu kurzen Harke den Weg entlang. Er sieht seltsam aus. Vornüber gebückt, dürr, mit einer viel zu großen Hose. Er kommt näher. Ungepflegt, 90 Jahre alte Haut mit wachen Augen grüßen mich wortlos. Als er an mir vorbeigeht, fallen mir seine schwarzen Socken auf, die über die Hose gezogen sind. Wie das aussieht. Wirklich seltsam. Ich nehme mir eine Kiste Stiefmütterchen. 12 gelbe, 12 blaue und in der Mitte noch ein Vergissmeinnicht. Gepflanzt sieht es toll aus. Ich schaue hoch zu dem Alten. Gebückt harkt er den Weg und brummelt irgendetwas vor sich hin.

„Der muss verrückt sein,“ denke ich. Selbstsicher pflanze ich weiter, als etwas passiert, was dem Alten nicht passiert wäre. Panik überkommt mich, als eine oder mehrere Erdbienen an meinem Schuh vorbeifliegen und von unten in meine Latzhose gelangen. Es brummt gewaltig. Ich schüttle mein rechtes Bein, aber keine der Bienen fliegt heraus. In Rekordzeit ziehe ich meine Latzhose aus. Zum Glück wurde ich nicht gestochen, denke ich erleichtert, als ich mitten auf dem Friedhof in meinen Boxershorts wie ein Idiot dastehe.  Der alte Mann mit seinen über die Hose gezogenen Socken schaut mich an und nickt. Ich glaube, er grinst sogar.