Po Richtung Stein

Frau Müller geht fast täglich zum Friedhof, doch das hat sie noch nie gesehen. An einem herrlichen Frühlingstag stehen 4 Gärtner in einer Reihe.

Alle zeigen gebückt mit ihrem Po zum Grabstein. Das muss merkwürdig aussehen, denke ich mir. Frau Müller wundert sich bei diesem Anblick. Ich spreche sie an. „Es ist ein ganz simpler Trick, den die Gärtner hier anwenden. Die Gärtner stehen verkehrt herum und treiben die Pflanzerde immer weiter nach Hinten zum Grabstein. Das macht das Pflanzbeet für den Kunden schöner, denn es ist eine kleine Steigung zum Grabstein. Diese wirkt für das menschliche Auge angenehm. Außerdem sieht man jede einzelne Blüte der Stiefmütterchen besser.

Frau Müller nimmt ihre Kanne Wasser, schmunzelt und sagt: „Das ist ja toll, gelernt ist eben gelernt“.

Ruhe in Frieden – anders als erwartet

Es ist der Magdeburger Ostfriedhof für den ich mich entschieden habe. Entschieden klingt nicht passend, denn hätte ich die Wahl, wäre ich noch ein paar Jahre mehr mit meinem Mann um die Welt gereist. Doch nun ist es der Ostfriedhof, den ich Tag für Tag für mich alleine entdecke. Bei der Auswahl der Grabstelle habe ich mich für ein Einzelgrab entschieden. Es ist ein schöner sonniger Standort. Ich denke mir “das passt“. Wir liebten die Sonne. Um uns herum Rasen. Man nennt es „Grabstätte in besonderer Lage.“ Das klingt, als hätten wir einen besonderen Stand in der Gesellschaft. Nein, für mich war ER etwas Besonderes, meine große Liebe.

Die Zeit zwischen Tod und Beerdigung war unwirklich, als wäre ich nicht ich und die Zeit eine andere. Etwas befreiend war der Tag der Beerdigung, aber er war schwer und endgültig. Jetzt liegt er da. Wir sind sichtbar getrennt und irgendwie wieder verbunden. Der Weg zum Grab fällt mir noch immer schwer. Ich fühle mich alleine. Ja hier und da sieht man einen Friedhofsbesucher mit der gleichen Trauer im Gesicht. Manche grüßen, manche nicht. Manche kommen täglich, manche habe ich noch nie gesehen. Ein paar treffen sich regelmäßig. Ich habe gelernt, ein Friedhof ist auch Begegnungsstätte. Ich bin noch nicht so weit.

Die ersten Tage überraschten mich die abgefressenen Blüten. Wer macht so etwas? Waren sie schon verblüht? War es der Gärtner? Ich bringe neue Blumen. Und wieder abgefressen. Ich weine. Ich gehe über den Friedhof und entdecke weitere Spuren. Blumen die abgefressen und rausgerissen sind. Als ich es gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Ein sonderbar schönes Bild auf dem Ostfriedhof. Vor den Sträuchern auf grünem Rasen war ein Reh. Als würde es hier hingehören. Ganz selbstverständlich steht es da.

Ein paar Tage später wird mir klar, dass dieses wunderschöne Tier der Übeltäter ist. Der Gärtner bestätigt mir meine Vermutung. Einer Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung melde ich diesen Vorfall. Ich bin erstaunt, denn es ist bekannt und wird geduldet. Es wird geduldet, dass es Schaden macht? Ok, es ist Frühling und vielleicht findet es jetzt Besseres als meine Rosen. Ich treffe den Gärtner. In einem Gespräch mit ihm, wo es um die Bepflanzung geht, ist es wieder da. „Da, es wartet schon auf die Frühlingsbepflanzung“ scherzt er. Und tatsächlich ein paar Stunden nach der Bepflanzung ist keine Blüte mehr an meinem Beet. Die Verwaltungsmitarbeiterin tröstet mich und streut Hornspäne. Hilft das? Ja, für ganze 2 Tage. Das Spiel wird mehrmals wiederholt. Der Gärtner pflanzt nach, wieder alles weg. Geld nimmt er nicht dafür. Noch nicht denke ich mir.

Unser Hochzeitstag rückt näher und mit ihm eine Unruhe. Ich möchte etwas schmücken, doch für wie lange. Ich frage die nette Floristin im Blumenladen. Zusammen finden wir etwas. Etwas für das Reh. Ich bin verzweifelt und fühle mich wieder alleine, so sehr. Die Friedhofsverwaltung nimmt mich nicht ernst. Habe ich nicht für meinen Ort der Trauer Gebühren bezahlt? Darf ich jetzt für die nächsten 20 Jahre keine Blumen zum Grab bringen? Wer ist für das Reh zuständig? Hornspäne ist keine Lösung und ein anderes Mittel wird es nur verzögern. Ich bin ein Beschützer der Natur, doch hier sollte die Stadt Magdeburg handeln und eine Lösung finden. Damit meine Stimme gehört wird, werde ich Unterschriften sammeln. Im Blumenladen, beim Gärtner, in meinem Seniorenclub und bei anderen Angehörigen, denn ich bin nicht alleine. Ich habe nur den einen Wunsch – Ruhe zu finden.

Mindestens 1 Lächeln

Es ist ein sommerlicher Montag an dem mein Opa beerdigt werden soll. Ich weiß dieser Tag wird sehr heiß, stressig, traurig und irgendwie auch schön werden.

Der erste Termin ist der Blumenladen. Hier hole ich 3 Gestecke und das bestellte Rosenherz ab. Da ich Unternehmer bin, nutze ich die Gelegenheit und fotografiere sie für meinen Onlineshop. Das Ganze geht am besten in meinem Garten. Fotografieren macht mir Spaß. Mal von der Seite, mal von oben, mal mit Schatten, mal mit Sonne. „Perfekt“, denke ich mir.

Blick auf die Uhr: „Jetzt wird’s aber eng“. Schnell in die Dusche, Anzug und schwarze Krawatte an. Dann 5 Punkte Nivea Creme ins Gesicht, so wie Mutti mir das beigebracht hat. Gestecke ins Auto und ab zum Westfriedhof. Natürlich habe ich jede rote Ampel mitgenommen. Doch ich kam rechtzeitig an.

Hier habe ich alle Gestecke ausgeladen. Zusammen mit dem Bestatter haben wir die Kapelle dekoriert. Als Nächstes spreche ich mit dem Redner. Gemeinsam gehen wir durch, was er sagen soll. Irgendwie guckt er mich mitleidig an. „Klar, es geht um meinen Opa“ denke ich mir. Froh alles organisiert zu haben, gehe ich vorbei an den Gestecken, durch die Reihen der Stühle Richtung Ausgang. Ich mache die großen Tore der Kapelle auf, trete auf die Empore.

Die Sonne strahlt mir mit ihrer ganzen Kraft ins Gesicht. Als ich mich an das Licht gewöhnt habe, sehe ich meine Familie. Alle schwarz angezogen mit traurigen Gesichtern. Ich gehe die Treppe runter und nehme meine Oma in den Arm. „Oma, es ist alles organisiert“. Sie hat ein Lächeln im Gesicht. Dann mein Papa, Bruder und meine Tante. Beide lächeln. Meine Tante fragt mich: „Martin, warum hast du denn 5 weiße Punkte im Gesicht“? In dem Augenblick läuft ein Film in meinem Kopf ab, aber rückwärts.

Meine Tochter rettet mich

Ich sitze im Transporter und fahre Richtung Feierabend. In meiner Brust das Gefühl satt von der Welt zu sein. Es gibt diese Tage an denen gelingt einem nur wenig. Ein Kunde ist unzufrieden, ein Auftrag wird nicht bestätigt, eine Kollegin wird krank und man hat plötzlich das Gefühl alleine zu sein.

Mit meinen Gedanken fahre ich genau auf einen traumhaften Sonnenuntergang zu. Doch heute ist das Schöne unsichtbar. Heute ist alles schlecht. Ich komme nach Hause, lege meine Arbeitssachen ab. Jawohl, jetzt fällt mir auch noch der Schlüssel runter.

Mit erschöpften Augen sehe ich ein glückliches, verliebtes Gesicht. Wenn sie spielerisch aus der Küche auf mich zu rennt und „Papa“ ruft ist alles verschwunden. Nur einen Gedanken habe ich jetzt in meinem Kopf, während ich sie in meinen Armen halte und zu dem Lied im Radio tanze. „Wie kann man nur so süß sein“.

Ben und seine Blüten

Es ist ein freundlicher Apriltag in Burg. Noch 3 Tage bis zur Eröffnung der Landesgartenschau. Auf dem Friedhofsteil möchten wir als Friedhofsgärtner zeigen was wir können. 

Wir sind, mein Sohn und ich. Ben ist 4 Jahre alt, hat wie Papa eine grüne Latzhose an und ist stolz wie Bolle. Gemeinsam hocken wir am Mustergrab und pflanzen ein traumhaftes Blumenbeet.

Rosa Gänseblümchen, weiße Hornveilchen, hellblaue Vergissmeinnicht leuchten perfekt angeordnet wie ein Meer aus Blüten.

„Ben, kannst du mir die mit den rosa Blüten geben“? Er macht den Topf ab und gibt mir die Pflanze. „Super, danke. Jetzt die Blauen, sei vorsichtig davon haben wir nicht viel“! Es kommt keine neue Pflanze. Und es ist verdächtig ruhig. Ich drehe mich um. Ben hat in der linken Hand die Pflanze und in der rechten eine Rosenschere. Er fragt während er schneidet: „Papa, ist es okay wenn ich hier die Blüten abschneide“? „NEIIIIIIIN!“

Umweltbewusst

Wir arbeiten torfreduziert, nutzen statt benzinbetriebene Heckenscheren, Schere mit Akku. Wir arbeiten effektiv und setzen das Wasser gezielt für unsere Pflanzen ein. Doch jetzt an den Totengedenktagen bin ich ärgerlich. Ich stehe auf dem Westfriedhof im Feld 13, vor einem Kunststoff- und Kompostcontainer. In der linken Hand ein verwelkter Blumenstrauß in der rechten eine verbrauchte LED-Kerze.

Der Blumenstrauß ist klar, den werfe ich direkt in den Kompost. Die LED-Kerze, mittlerweile sind es schon 6 Kerzen, denn meine Kollegin bringt auch noch welche mit. „Ist das nicht Sondermüll?” fragt sie. Ja, normalerweise müssen wir die Batterien aus jeder Kerze nehmen. Also aufschrauben, rausnehmen, sammeln und zum nächsten ALDI bringen. Dafür haben wir keine Zeit.

Also Augen zu, rein in den Kunststoffcontainer und merken, dass ich hierüber mal mit der Friedhofsverwaltung reden muss.

Kreativ und einfühlsam

Ich sitze an einem goldenen Herbsttag auf einer Parkbank auf dem Westfriedhof. Rechts neben mir eine traurige Oma. Wir überlegen gemeinsam, wie wir zu dem Grabstein ihres Mannes die Bepflanzung anordnen können. Auf meinem Schoß ein Klemmbrett mit einem weißen Blatt Papier. Ich zeichne einen stehenden Stein mit einer geschwungenen Form. Anschließend frage ich ruhig: „Haben Sie einen Wunsch?“ Die traurige Oma sagt: „Nein.“ Ich zeichne weiter und rede dabei. Zu dem Grabstein passt eine geschwungene Form, vielleicht eine Fläche Spindelstrauch als Kontrast zu dem dunklen Stein. Das Blumenbeet in rosa und weiß würde ich als Tropfenform wählen und als Übergang vom Bodendecker einen Schlitzahorn der sich an den Grabstein kuschelt. Gefällt es Ihnen? Nun sehe ich ein Lächeln in ihrem Gesicht.

Eine schöne Erinnerung

Es ist wieder ein Montag. Es darf kein anderer Tag sein, denn heute finden keine Trauungen statt. Ich pflanze auf dem Standesamt in Magdeburg einen Bodendecker, noch einen und noch einen. Jetzt ist der Storchschnabel dran. Den werden die Bienen lieben. Jetzt noch 3 Gräser als Sichtschutz. Perfekt. Als eine Art Drainage mache ich ein tiefes Loch und schichte hunderte von kleinen Findlingen übereinander. Dabei denke ich: „Schade die Bepflanzung wird toll aussehen, nur diese eine Ecke macht alles kaputt.“ Egal, weiter.

Als Marko der Hausmeister vorbei kommt frage ich, ob ich die Steine wirklich wieder verwenden soll. Marko nickt. Wenn etwas doof ist muss es wenigstens einen Zweck erfüllen. Ja, das Wasser versickert in dem Boden. Ich staple weiter, jetzt aber ein paar flachere Steine übereinander. Ich schaffe 5, prima jetzt lenkt das ganze schon etwas ab. Bei der Abnahme kommt mir die Idee. Das Blumenbeet hat hier einen zentralen Standort. Hier muss jeder vorbei der Heiraten möchte. Die Steine sehen zwar aus als gehören sie hier nicht hin. Doch was ist… wenn sie mit Namen bemalt werden? Wenn jeder Stein ein Symbol der Liebe ist? Wenn jeder der hier Heiratet sich verewigen kann? Die Stadt Magdeburg sagt JA und verliebt sich in eine Idee die ein Trend werden kann. Ja, es gibt Schlösser an Brücken und jetzt gibt es eben Steine in der Humboldstraße. 

Alles Gute zum 8. Hochzeitstag mein Schatz. 

Ich liebe dich! 

Franzi&Martin

Danke Marko für deine Hilfe.

Insektenfriedhof

Ich stehe mit meiner fünfjährigen Tochter auf dem Westfriedhof. In ihren schmutzigen Händen hat sie eine liebevoll geschmückte Streichholzschachtel. In ihr liegt auf Watte gebettet Sophia. Sophia ist eine tote Hummel. Um uns herum 6 weitere Kinder, eine Erzieherin und ein Filmteam. Wir drehen für eine Dokumentation über einen Insektenfriedhof. Insgesamt 7 Insekten werden beerdigt. Man könnte meinen die Stimmung ist angespannt. Doch die Kinder reden mit einer Leichtigkeit über den Tod. Da kann man sich als Erwachsener noch etwas abgucken. Die Kamera zielt auf uns. Die Filmautorin fragt meine Tochter: Und Romy, fliegt Sophia jetzt in den Himmel? Romy guckt auf die schön bepflanzte Grabstelle, guckt mit den schönsten Augen der Welt in die Kamera und sagt: „Nee, da ist doch Erde drauf.“

Manchmal werden einem Steine in den Weg gelegt.

Fenster auf Kipp, das Bett etwas abgeschrägt, in der Luft liegt ein Hauch von Desinfektion, die Flexüle drückt auf dem Handrücken und auf dem Flur höre ich Schritte und aufmunternde Worte an Patienten. 

„Das wird schon wieder Herr Cziborra“, sagt Schwester Elfi zu mir. „Klar“, sage ich, während ich mir den verbundenen Fuß ansehe. Irgendwo da ist jetzt eine Schraube, die den gebrochenen Knochen zusammen hält. Meine Sinne sind noch etwas benebelt von der Narkose. Die Kniee sind weich, die Arme schlapp, doch insgesamt habe ich ein wohlig warmes Gefühl in mir. Ab jetzt geht es aufwärts. Das war die letzten Tagen nicht so. Vor genau einer Woche bin ich auf dem Ostfriedhof auf einen dämlichen Stein getreten, der seitlich umgekippt ist und mein rechter Fuß gleich hinterher.

Mir war klar, das ist etwas Schlimmes. Gut, Zähne zusammen beißen und den Transporter mit Anhänger in die Firma bringen, dann ab nach Hause. Die Treppen im deprimierenden Vierfüßler-Gang nach oben in die Dusche. Etwas Leichtes angezogen und die Depri-Treppen wieder runter. Meine liebe Frau hat mich zur Notfallaufnahme gefahren. Noch 30 Meter hüpfen und dann saß ich im Rollstuhl. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich darüber mal freue. Jetzt ein Corona-Test… „klar es geht immer noch tiefer in die Nase“. Untersuchungen gingen fix und ich hatte ein gutes Gefühl bei dem Arzt. In jeder freien Minute bin ich „Hätte, Wäre, Wenn-Geschichten“ durchgegangen. Am Tagesende waren mein Fuß und ich der gleichen Meinung: Das bringt nix! Ich glaube an Schicksal, für irgendetwas wird es gut sein.  Positiv denken ist jetzt das Ziel! Alles andere muss weiter laufen! Als Unternehmer ist es, als wäre man in Fesseln gelegt wird.

Ab jetzt müssen alle Mitarbeiter die Arbeiten allein stemmen. Mitarbeiter klingt hier falsch, wenn ich in die motivierten Augen von Janine, Heike, Doreen, Susann, René, Sabrina und Franzi gucke. „Das Team“ klingt besser… Sie halten mir den Rücken frei und arbeiten nach und nach die Aufträge ab. Ich bin stolz auf ALLE! Meine Aufgabe ist es jetzt gesund zu werden, wieder Laufen zu lernen und mit diesen doofen Krücken klar zu kommen. Ja, und das Wichtigste, einen Gärtner (m/w/d) zu finden, der in unser tolles Team passt.