Buntes Trauergesteck mit Urne, aufgenommen auf dem Friedhof

Worte sagen mehr als Bilder

Wir sitzen zu dritt an einem Tisch. Meine Frau, meine Schwiegeroma – und ich. Es riecht nach Kaffee, Kuchen und alten Möbeln. Die Tassen haben Goldrand, die Löffel glänzen – ich glaube, es ist das „gute“ Geschirr. Genau kann ich es nicht sagen, ich bin nicht oft hier.

Die Schwiegeroma, sonst immer so fürsorglich, die nach Hausschuhen fragt, Wasser anbietet und nie stillsitzen kann – heute braucht sie selbst Hilfe. Weil sie jetzt allein ist. Und das für immer.

73 Jahre mit einem Menschen zusammenleben – wie soll man da nicht das Gefühl haben, dass plötzlich ein Stück von einem selbst fehlt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Wie man die Wohnung aufschließt und ruft: „Hallo Fritz, ich bin wieder da“ – und doch allein ist. In den leeren Sessel schaut, das Essen nur noch für eine Person kocht. Den Deckel der Wasserflasche nicht aufbekommt. Auf ein Foto blickt – und dann allein ins Bett geht. Das Licht ausschaltet und leise sagt: Du fehlst mir.

Ich glaube, der einzige Trost ist: dass man sich eines Tages wiederfindet. Irgendwo.

Meine Schwiegeroma lässt sich nichts anmerken. Sie wirkt stark – denke ich. Meine Frau sieht mehr als ich. Sie sieht die Unsicherheit. Die Traurigkeit. Die Hilflosigkeit.Ich merke es zu spät. Ich öffne mein iPad, zeige ihr verschiedene Gestecke – zusammengestellt über unsere Seite www.Friedhof1.de. Farben, Formen, Varianten – alles, was man heute so hat. Aber sie schaut nicht mal hin.

Es ist ihr egal. Sie sagt nur: „Mach einfach was Schönes, Martin.“

Was zählte, war nicht das, was man sehen konnte – sondern das Zuhören. Die Nähe. Manche Aufträge entstehen nicht durch große Auswahl, sondern durch Verbindung. Nicht durch Technik – sondern durch echtes Dasein. Ein bisschen ärgere ich mich über mich selbst.

Da sitzen wir nun vor dem Kuchen, den wir nur aus Anstand essen. Appetit hat keiner. Es wird zaghaft geredet, dann mehr. Ich bin still – und merke: Meine Schwiegeroma möchte reden. Tränen fließen bei den beiden Frauen. Und ich sehe: So unterschiedlich sie auch sind – in diesem Moment sind sich meine Frau und ihre Oma so ähnlich wie nie zuvor. Erinnerungen werden geteilt. Und dann wird gelacht. Aus vollem Herzen.

Am Ende waren wir uns einig: Es muss etwas Besonderes sein. Für den alten Malermeister. Es muss bunt werden – so lebendig wie sein Leben. Ich sage es, während ich still zum Teller greife und doch noch ein Stück Kuchen esse. Vom „guten“ Geschirr.

Mit Goldrand – so wie die Urne und die Schrift auf der Schleife am Gesteck.