Romy und Kuh

Verbotener Ort, erlaubtes Glück

Corona, April 2022. Homeschooling. Eine Mischung aus Ungewissheit, Angst um die Zukunft und mehr Zeit für Familie. Weniger Termine, weniger Möglichkeiten, Dinge zu machen, und das Beste, keine, die man verpassen kann. 

Meine Tochter ist 11. alt genug, um alleine zu lernen. Aber kind genug, um dafür keine Lust zu haben. Also zieht es sie raus. Raus in die Natur. Ins ehemalige „Russengebiet“, vor dem Verlassen verboten steht. Ein Lostplace mit alten Panzer-Hallen, mit Asbest bedeckten Werkstätten und einem Pförtnerhäuschen mit einem Schild „Betreten Verboten“ – man geht an ihm vorbei, betritt eine vergessene Welt, in der sich die Natur zurückgeholt hat, was ihr gehört. 

Auf Betonwegen, über die früher maschiert wurde und Tonnen schwere LKW gefahren sind, haben wir letztes Wochenende erst Sedum aus den Ritzen gekratzt. Für Papas Dachbegrünung. Irgendwas findet er immer. Der hat übrigens heute Geburtstag. Ist aber wie immer auf dem Friedhof. „Frühjahrsbepflanzung dekorieren oder so“. Naja, nachher sehen wir uns zum Kaffee.

Jetzt bin ich mit meiner besten Freundin unterwegs. Ja, ich darf in kein Gebäude und in keinem Keller rein krabbeln. Aber es ist so spannend. Warum sind wir hier? Hinter der fast heilen Halle stehen eine Gruppe Kühe. Warum die da sind, weiß Papa auch nicht. Vielleicht illegal. Vielleicht dürfen sie. Vielleicht nur als Zwischenstopp. Ich füttere sie mit frischem, abgerissenem Gras. Gierig schmatzend drücken sie ihre Mäuler gegen den Bauzaun, greifen mit ihrer schlangenartigen Zunge durch den Draht. Ich hole frisches, stolpere dabei über etwas Hartes, das mit Moos bedeckt ist. Was ist das? Ein Stück Holz, faserig mit Flechten, braun, cool eine Wurzel. Wenn Papa hier wäre, würde er die mitnehmen. Ich nehme sie mit und schenke sie ihm zum Geburtstag.